Zwischen Wutanfall und Kaufregal - Wie reagiere ich richtig bei einem Trotzanfall?
Das Leben mit einem Kleinkind ist nicht einfach, ich spreche da aus Erfahrung. Was ich sonst nur aus Filmen kannte ist nun knallharte Realität – ein Kind das sich auf den Boden wirft, wild um sich schlägt und die komplette Aufmerksamkeit des Einkaufladens auf sich und mich, als unfähige Mutter, zieht. Doch wie reagiere ich richtig bei solchen Wutattacken? Wie kann ich die Situation entschärfen ohne die Autonomie des Kindes zu verletzen?
Dafür ist es erst einmal wichtig zu verstehen warum das Kind so reagiert. Das Kind reagiert nicht so um uns zu ärgern oder uns bloß zu stellen, es reagiert auch nicht so weil es auf Biegen und Brechen seinen Willen durchsetzen will sondern es reagiert so weil es nicht versteht warum es seinen Willen nicht bekommt. Das ist der feine Unterschied. Das Kind versteht nicht warum Mama jetzt Nein sagt, es will damit nicht unbedingt erreichen das Mama ihre Meinung ändert, auch wenn das viele denken mögen, es möchte nur verstehen WARUM so gehandelt wird.
So ein kleines Gehirn reagiert noch sehr impulsiv, einfach weil es noch nicht gelernt hat richtig in bestimmten Situationen zu agieren. Die Autonomiephase trägt einen wichtigen Teil bei diesem Lernprozess bei. Genau in diesem Lernprozess ist es wichtig die Autonomie des Kindes zu schützen, das Kind testet die Grenzen aus, beobachtet wie in bestimmten Situationen reagiert wird und schaut sich ab wie man richtig reagiert.
Zudem findet im kindlichen Kopf zu Beginn eines „Trotzanfalls“ ein kleines Feuerwerk statt, eine kleine Bombe, die sich hemmungslos entlädt wenn zu viele Eindrücke, die vom Kind nicht verstanden werden, auf einander treffen.
So hatten wir nun schon mehrmals das Vergnügen eines solchen Anfalls in der Öffentlichkeit. Schnell wird man von den umstehenden Leuten mit herabwürdigenden Blicken gestraft, was man denn für eine schlechte Mutter sei, weil das Kind keinen Lutscher bekommt (keiner fragt nach den Gründen), noch abstoßender werden die Blicke wenn man (nach Meinung der Leute) nicht richtig auf so eine Situation reagiert. Ganz toll ist auch der Spruch, der meist von der älteren Generation kommt, „Bei uns hätte es sowas nicht gegeben.“, Hilft einen ungemein weiter, nicht?
Ich möchte euch heute gerne zeigen wie ich in solch heiklen Situationen reagiere und somit die Integrität meines Kindes wahre und wir beide zufrieden weiter gehen können….
Wir sind also einkaufen, mein Winterkind hat die tolle Angewohnheit zu bestimmen so es denn lang geht, er kommandiert gerne mit einem lauten „Daaaaaaaaaa lang“ den Weg und meist lasse ich ihn laufen und trabe hinterher, der kleine Umweg durch die Gänge tut mir nicht weh (nur der Geldbörse :-) ). Wenn es aber dann doch mal nicht geht und wir einen anderen Weg beschreiten müssen, artet es meist in einem kleinen Wutanfall aus. Er wirft sich auf den Boden, fängt herzzerreißend an zu weinen und versteht die Welt nicht mehr und jetzt habe ich genau 3 Möglichkeiten….
Möglichkeit 1:
Ich klemme mir das weinende Kind unter den Arm und schleife ihn ohne Diskussion mit, laut Meinung der älteren Generation wäre das die richtige Lösung, denn Kinder müssen lernen dass sie nicht immer ihren Willen bekommen. Das Kind wird weiter schreien und wird lernen das es egal ist was es denkt, denn Mama hat die Macht sich darüber hinwegzusetzen- die Integrität wird verletzt.
Möglichkeit 2:
Ich ignoriere das Kind, gehe weiter und rufe noch in die Richtung „Tschüss, ich geh jetzt!“ und spiele mit der Angst des Verlassen Werdens. Das Kind liegt weinend auf dem Boden und versteht die Welt nicht mehr und die einzige Bezugsperson in der Nähe verlässt es auch noch und vermittelt damit, das die Empfindungen nicht ernst genommen gehören und beim Ausdruck dieser das Kind damit alleine gelassen wird – das Vertrauen wird nachhaltig gestört.
Möglichkeit 3:
Und jetzt kommt die Geheimwaffe :-) Euer Kind ist, aus welchen Gründen auch immer, im totalen Wutanfall ausgebrochen und liegt weinend auf dem Boden. Ihr schiebt den Einkaufswagen beiseite und geht auf die Knie, neben euer Kind. Je nach Alter bleibt ihr kurz sitzen und redet auf euer Kind ein (ein 1jähriges versteht vielleicht noch nicht alle Worte aber es merkt das es ernst genommen wird) und sagt zu ihm beispielsweise „Ich weiß das du gerade nach links möchtest, aber wir haben es ein wenig eilig und brauchen nur die Milch und die ist in einer anderen Richtung! ich weiß das ist doof und ich weiß das du wütend bist.“ Redet die ganze Zeit mit eurem Kind und zeigt ihm, dass die empfundene Wut ok ist, denn das ist sie, ignoriert bitte die doofen Blicke der anderen, hier geht es nur um euch und euer Kind.
Irgendwann wird das Kind ruhiger werden, fragt es ob ihr es in den Arm nehmen dürft, macht das nicht einfach so, manche Kinder mögen es nicht während eines Wutanfalls angefasst zu werden, das solltet ihr respektieren. Meist lassen sich die meisten Kinder dann auch in den Arm nehmen, wenn nicht bleibt einfach weiter neben dem Kind sitzen und wartet bis es sich beruhigt hat. Fragt anschließend ob alles wieder ok ist und dann findet ihr gemeinsam einen Kompromiss, damit meine ich nicht Bestechung ála „Wenn du mitkommst kriegst du einen Keks.“ – Das ist nicht der Sinn eines Kompromisses. Schlagt Alternativen vor „Beim nächsten Mal lassen wir uns extra viel Zeit beim Einkaufen, da können wir gerne da lang gehen wo du willst, ist das ok für dich?“ Anschließend erhebt ihr euch gemeinsam mit dem Kind und geht weiter.
Wenn ich es ganz eilig habe versuche ich solche Situationen zu vermeiden indem ich ihn in den Einkaufskorb setze, aber auch da kommt es hin und wieder zu Wutausbrüchen weil er den xten Quetschi nicht haben darf oder er nicht versteht warum ein Einkaufskorb kein Klettergerüst ist. Aber auch hier verfahre ich so wie bei Möglichkeit Nummer 3, denn egal wann seine Wut kommt, egal warum er gefrustet ist, für IHN ist es ein wichtiger Grund und ich als Mutter habe die Pflicht ihn immer und überall ernst zu nehmen. Ich habe nicht das Recht zu entscheiden wann seine Wut gerechtfertigt ist oder wann nicht, auch wenn der Grund für mich noch so lapidar ist. Ich halte mir immer vor Augen das er in dieser großen weiten Welt täglich so viel neues sieht, erlebt und darauf reagieren muss, wir kennen schon so viel und wissen oft wie man zu reagieren hat, aber wir haben auch die Erfahrung aus Jahrzehnten im Nacken, unsere Kinder hingegen nur die Erfahrungen aus ein paar Monaten, vielleicht auch Jahren.
Liebe Grüße eure
Winterkind-Mama
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